IMAGO ANIMAE MEAE
(bild meiner seelen)
(bild meiner seelen)
Zwischen jedem Buchstaben atmet eine Seele. Unsichtbar ist sie, doch niemals stumm. Sie trägt meine Gedanken, lange bevor sie zu Worten werden, und sie begleitet mich, bis zu meinem zweihundertsten Geburtstag – nicht als Schatten, sondern als unermüdliche Gefährtin. Jeder Satz, den ich schreibe, jede Silbe, die ich spreche, nährt sich aus ihrem Atem. Sie ist der verborgene Ursprung meiner Hoffnung und zugleich der stille Widerstand gegen das Verstummen.
Die Welt mag lärmen, sich in Hast verlieren und ihre eigenen Stimmen übertönen. Doch zwischen den Buchstaben bleibt ein Raum, den kein Getöse erreicht. Dort wohnt das Wesentliche. Dort sammeln sich Erinnerungen, Sehnsucht und Mut. Wer diesen Raum betritt, erkennt, dass Sprache mehr ist als Werkzeug – sie ist ein lebendiges Wesen, das den Menschen formt, während der Mensch glaubt, sie zu formen.
Manchmal scheint diese Seele zu ermüden. Stürme gehen durch die Zeit, Zweifel legen sich wie Frost auf die Gedanken, und die Wörter verlieren ihren Glanz. Dann wird jedes geschriebene Zeichen zu einem kleinen Aufstand gegen die Dunkelheit. Nicht weil es die Welt sofort verändert, sondern weil es verhindert, dass das innere Feuer erlischt.
Doch am Ende führt jeder Buchstabe dorthin zurück, wo alles begann: zur Natur. Der Wind kennt keine Grammatik und die Bäume benötigen keine Schrift, um von Beständigkeit zu erzählen. Das Wasser schreibt seine Verse in den Sand, die Vögel ihre Melodien in den Morgen, und das Licht setzt Satzzeichen auf die Wiesen. Dort begreife ich, dass auch meine Worte nur Blätter an einem großen Baum des Lebens sind. Solange zwischen ihren Buchstaben eine Seele atmet, wird sie mit dem Atem der Erde eins sein – und mich nähren, Tag für Tag, bis an den fernsten Horizont meines Daseins.
© Text und Bildsprache by @HerrWortranken
0414 | 2026 | ©HW
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