HOSPES DEORUM
(gast bei den göttern)
In einer Nacht voll kalter Sterne
Als müde schon die Erde schwieg
Saß ich allein vor meiner Türe
wo Nebel über Feldern liegt
Da trat ein Fremder aus dem Dunkel
Sein Mantel war aus fahlem Licht
Der Blick war alt wie kühle Morgen
Doch Furcht empfand ich seltsam nicht
Er sprach
Ich kenne deine Wünsche
Dein Herz blickt oft zum Himmel auf
Komm mit mir in die Hallen droben
Und schau der Götter Lebenlauf
Da folgte ich dem fremden Wanderer
Empor durch Nacht und Wolkenmeer
Die Erde sank in weite Tiefen
Ihr Klang drang nicht mehr hoch zu mir
Bald standen wir vor hohen Toren
Aus Silber nicht
Nur Sternenglanz
Dahinter lagen lichte Säle
Und Wesen in erhabnem Tanz
Sie tanzten dort auf goldnen Kissen
Kein Haar ergraut
Kein Blick getrübt
Kein Schmerz hat je ihr Herz getroffen
Kein Traum blieb jemals unerfüllt
Ein Gott erhob sich von den Stufen
Er sprach
Nun bist du Einer von uns hier
Kein Tag wird je dein Maß bestimmen
Kein Ende lastet mehr auf dir
Zuerst war ich vom Glanz geblendet
Vom Frieden jener fremden Welt
Kein Leid zerriß dort eine Seele
Kein Sturm zog über Wald und Feld
Doch als gewisse Zeit verstrichen
Ob Jahr und Tag
Ob tausend Jahr'
Begann in mir ein stilles Fragen
So wie es damals unten war
Ich hörte keine Kinder lachen
Kein raues Lied beim Abendbrot
Kein Streitgespräch
Kein Türenschlagen
Kein Glück nach überstandner Not
Die Götter schauten in die Ferne
Gelassen wie ein stilles Meer
Doch in der Ruhe ihrer Augen
Entdeckte ich kein Sehnen mehr
Da fragte ich den Herrn der Sterne
Wann kommt der nächste neue Tag
Er lächelte
Was soll sich ändern
Wenn nichts vergehen muss
Wenn nichts mehr mag
Da traf mich plötzlich die Erkenntnis
Wie Winterwind durch dürres Laub
Das Leben lebt von seinen Grenzen
Von seiner Hoffnung und dem Staub
Ein Kuss ist süß weil er vergeht
Ein Fest ist schön weil es verrinnt
Ein Haus wird Heimat durch Erinnern
Nicht weil die Mauern ewig sind
Da bat ich
Lasst mich wieder gehen
Ich tauge nicht für diesen Ort
Mein Herz hängt an den kleinen Dingen
an jedem menschlichen Akkord
Die Götter schwiegen lange Stunden
Dann sprach der Älteste zu mir
Wir wussten einst was du gemeint
als wir den Zeiten selbst entstiegen
Geh heim und suche deinen Frieden
Bewahre Schmerz und Zärtlichkeit
Denn manches Herz auf dunkler Erde
ist reicher als die Ewigkeit
So kehrte ich zu meinen Leuten
Zum Rauch der aus Kaminen zieht
Zum Lärm der Gassen zu den Freunden
Zum unvollkommnen Menschenlied
Und wenn die Sterne manchmal funkeln
Blick ich hinauf fern in die Nacht
Dann dank ich für die kurzen Jahre
Und ihren wunderlichen Lauf
Denn über allen Himmelshallen
So herrlich sie auch scheinen weit
Steht doch das Wunder eines Lebens
Das endet
Und ganz genau
Deshalb gedeiht
© Text & Bild by @HerrWortranken
0336 | 2026 | ©HW













