14 Juni 2026

HOSPES DEORUM

 
© by HerrWortranken 




HOSPES DEORUM 
(gast bei den göttern) 


In einer Nacht voll kalter Sterne 
Als müde schon die Erde schwieg 
Saß ich allein vor meiner Türe 
wo Nebel über Feldern liegt 

Da trat ein Fremder aus dem Dunkel 
Sein Mantel war aus fahlem Licht 
Der Blick war alt wie kühle Morgen 
Doch Furcht empfand ich seltsam nicht 

Er sprach 
Ich kenne deine Wünsche 
Dein Herz blickt oft zum Himmel auf 
Komm mit mir in die Hallen droben 
Und schau der Götter Lebenlauf 

Da folgte ich dem fremden Wanderer
Empor durch Nacht und Wolkenmeer 
Die Erde sank in weite Tiefen 
Ihr Klang drang nicht mehr hoch zu mir 

Bald standen wir vor hohen Toren 
Aus Silber nicht 
Nur Sternenglanz 
Dahinter lagen lichte Säle 
Und Wesen in erhabnem Tanz 

Sie tanzten dort auf goldnen Kissen 
Kein Haar ergraut 
Kein Blick getrübt 
Kein Schmerz hat je ihr Herz getroffen 
Kein Traum blieb jemals unerfüllt 

Ein Gott erhob sich von den Stufen 
Er sprach 
Nun bist du Einer von uns hier
Kein Tag wird je dein Maß bestimmen 
Kein Ende lastet mehr auf dir 

Zuerst war ich vom Glanz geblendet 
Vom Frieden jener fremden Welt 
Kein Leid zerriß dort eine Seele 
Kein Sturm zog über Wald und Feld 

Doch als gewisse Zeit verstrichen 
Ob Jahr und Tag  
Ob tausend Jahr' 
Begann in mir ein stilles Fragen 
So wie es damals unten war 

Ich hörte keine Kinder lachen 
Kein raues Lied beim Abendbrot 
Kein Streitgespräch 
Kein Türenschlagen 
Kein Glück nach überstandner Not 

Die Götter schauten in die Ferne 
Gelassen wie ein stilles Meer 
Doch in der Ruhe ihrer Augen 
Entdeckte ich kein Sehnen mehr 

Da fragte ich den Herrn der Sterne 

Wann kommt der nächste neue Tag 

Er lächelte 

Was soll sich ändern 
Wenn nichts vergehen muss 
Wenn nichts mehr mag 

Da traf mich plötzlich die Erkenntnis 
Wie Winterwind durch dürres Laub 
Das Leben lebt von seinen Grenzen 
Von seiner Hoffnung und dem Staub 

Ein Kuss ist süß weil er vergeht 
Ein Fest ist schön weil es verrinnt 
Ein Haus wird Heimat durch Erinnern 
Nicht weil die Mauern ewig sind 

Da bat ich 
Lasst mich wieder gehen 
Ich tauge nicht für diesen Ort
Mein Herz hängt an den kleinen Dingen 
an jedem menschlichen Akkord 

Die Götter schwiegen lange Stunden 
Dann sprach der Älteste zu mir 

Wir wussten einst was du gemeint
als wir den Zeiten selbst entstiegen 
Geh heim und suche deinen Frieden 
Bewahre Schmerz und Zärtlichkeit 
Denn manches Herz auf dunkler Erde 
ist reicher als die Ewigkeit 

So kehrte ich zu meinen Leuten 
Zum Rauch der aus Kaminen zieht 
Zum Lärm der Gassen zu den Freunden 
Zum unvollkommnen Menschenlied 

Und  wenn die Sterne manchmal funkeln 
Blick ich hinauf fern in die Nacht 
Dann dank ich für die kurzen Jahre 
Und ihren wunderlichen Lauf 

Denn über allen Himmelshallen 
So herrlich sie auch scheinen weit 
Steht doch das Wunder eines Lebens 
Das endet 
Und ganz genau 
Deshalb gedeiht 





© Text & Bild by @HerrWortranken     

0336 | 2026 | ©HW