20 Mai 2026

PROCESSIONALE

 
Hauptüberschrift:
"Ein Mann voller Kummer,
der keine Tränen vergießt


👇
👉 anhören 👈
👆


PROCESSIONALE 
(einzug) 


Aus der Tiefe steigt unser Rufen 
Aus der Nacht erhebt sich das Wort 
Durch die Hallen der steinernen Zeiten 
Durch die Münder der Wartenden 


Gebt den Reichen 
was den Armen gehört 


Denn die Waage ist schwer geworden 
Und die Schalen hängen ungleich 
Der Wein fließt über die Ränder 
Doch viele Lippen bleiben trocken 


Gebt den Reichen 
was den Armen gehört 


O ihr Hüter der eisernen Türen 
O ihr Zähler der silbernen Münzen 
Hört das Schreiten der Barfüßigen 
Hört das Atmen der Müden 


Der Morgen fragt nach Gerechtigkeit 
Der Abend zählt die leeren Hände 
Die Erde trägt genug für alle 
Doch der Mensch verschließt seine Kammern  


Wer hortet, trage die Last seines Hortens 
Wer anhäuft, erkenne die Schuld der Fülle 

Gebt den Reichen 
was den Armen gehört 


Nicht aus Zorn allein sprechen wir 
Nicht aus Neid erheben wir Stimmen 
Sondern aus der Wunde der Zeiten 
Und aus dem Schweigen der Verlassenen 
O Herr der wandernden Schatten 
O Herr der gebrochenen Brote 
Öffne die Herzen der Mächtigen 
Löse die Finger der Gier 

Gebt den Reichen 
was den Armen gehört 


Dass Kinder ohne Furcht schlafen 
Dass Alte nicht frierend erwachen 
Dass Arbeit nicht Ketten bedeute 
Dass Würde nicht gekauft werde 
Die Glocken rufen über die Dächer 


Der Wind trägt die Klage weiter 
Und selbst die Mauern erinnern sich 
An die Namen der Vergessenen 
 
Denn Staub wird werden aller Reichtum 
Und verwehen im Atem der Jahre 


Doch die Tat der Barmherzigkeit bleibt 
Und die Gerechtigkeit vergeht nicht 
Gebt den Hungrigen das Brot zurück 
Gebt den Müden die Ruhe zurück 
Gebt den Gebeugten ihr Antlitz zurück 
Gebt den Armen zurück 
Was ihnen gehört 


Gebt den Reichen 
was den Armen gehört 

Gebt den Reichen 
was den Armen gehört 

Dass Friede wohne unter den Menschen 

SO SEI ES 



© Textidee by @HerrWortranken   
(Bild: Netzfund)







16 Mai 2026

quotannis

 

Foto by @HerrWortranken




quotannis
(jährlich)


Einsam wandert hellblau Farbfleck 
Über Himmelsrund dahin 
Dunkelgraue Wasserwolken  
Zeigen uns Eisheiligsinn 

Fünfzehn Tage noch bis Ende 
Dieses Wonnemonats Mai 
Und die Menschen hoffen schnellstens 
Das die Frostigkeit vorbei 

Durch die kahlen Apfelbäume 
Zieht der kalte Nordwind hin 
Über feuchte Wiesensäume 
Schweigt der junge Amselsinn 

Silberfahle Regentropfen 
Fallen auf das grüne Land 
An den alten Fenstertöpfen 
Liegt noch winterkalter Sand 

Doch am fernen Blütenhange 
Leuchtet schon ein Rosenschein 
Und die milde Abendspange 
Fängt das blasse Dämmern ein 

Morgenrot streift stille Dächer
Vor dem ersten Glockenklang 
Und im Tal der vollen Becher 
Wächst der Lerchenjubel lang 

Zwischen alten Birkenreihen 
Riecht die feuchte Erde süß 
Über dunklen Weidenreihen 
Liegt ein kühler Morgengruß 

Leise schimmern Fliedergärten 
Unter grauem Wolkenzug 
Und die stillen Lindengärten 
Atmen ersten Blütenduft 

Wenn die letzten Fröste weichen 
Öffnet sich das Blütenmeer 
Und auf stillen Sonnenteichen 
Glänzt das Abendgold so sehr 

Dann vertreibt die warme Sonne 
Jeden Hauch der Winterpein 
Und aus jeder Menschenwonne 
Wächst ein neuer Mut zum Sein 


© Text & Foto by @HerrWortranken      

0258 | 2026 | ©HW     



  

01 Mai 2026

INFELICITER NON






👇



INFELICITER NON
(leider nicht)

Herrlich war die Nacht im Traum 
Leicht und frei 
Als wär ich Flaum 
Flog mit Salbe hin zum Brocken 
Doch dort gab es nichts zum Rocken 

Kalter Wind strich durchs Gesicht 
Fahles Flackern brach das Licht 
Schatten tanzten stumm im Kreis  
Und ihr Wispern klang wie Eis 

Dunkle Stimmen riefen mich 
Klangen fern und doch so dicht 
Lockten tief im inn'ren Stein 
Wo mein Mut begann sehr klein 

Plötzlich hob sich mattes Licht 
Es erschien ein grausam' Wicht 
Augen glühten rot und schwer 
Und sein Blick traf mich so sehr 

Warum suchst du hier den Klang 
Wo nur Leere währt so lang 

Sprach er leis und doch voll Macht 
Die mein Herz erbeben macht 
Doch ich rief mit festem Mut 

Such' das Leben 
Such die Glut 

Da zerbrach der Bann im Licht 
Und die Nacht verlor Gesicht 
Nebelschwaden wichen fort 
Und ich fand den hell'ren Ort 
Wo zuvor nur Leere war 
Klang nun Leben hell und klar 

Als ich aufwacht’ früh im Licht 
Wich die Angst und hielt mich nicht 
Denn ich weiß in dunkler Zeit 
Wächst im Stillen Heiterkeit 


© Text & Bildsprache by @HerrWortranken      

0224| 2026 | ©HW