TREMOLO
Der Morgen war grau und farblos. Ein dünner Nebel lag über den Feldern, kroch durch die Gräben und sammelte sich in den Mulden zerbombter Straßen. Irgendwo hinter der Anhöhe bellte ein Hund. Dann war wieder Stille.
Der Morgen war grau und farblos. Ein dünner Nebel lag über den Feldern, kroch durch die Gräben und sammelte sich in den Mulden zerbombter Straßen. Irgendwo hinter der Anhöhe bellte ein Hund. Dann war wieder Stille.
Paul lag seit drei Stunden im Erdreich, das Gewehr vor sich, den Finger außerhalb des Abzugsbügels. Er hatte gelernt, ruhig zu atmen, den Puls zu beherrschen, die Schulter fest an den Schaft zu legen. Er kannte die Entfernung bis zur gegenüberliegenden Ruine, wusste, wie der Wind die Flugbahn beeinflussen konnte, und hatte auf dem Schießplatz jeden seiner Kameraden übertroffen.
Doch hier war kein Schießplatz.
Hier stand ihm kein Pappschild gegenüber, auf das man nachher die Treffer zählen würde. Hier gab es keine rote Markierung, kein Loch, das sich mit einem roten Marker einkreisen ließ. Hier gab es nur die Möglichkeit, einen Menschen zum Tode zu bringen.
Einen Menschen, ein Lebewesen mit schlagendem Herz.
Das Wort war ihm seit seiner Ausbildung nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Man hatte sie Feinde genannt, Gegner, Ziele. Man hatte erklärt, dass Zögern das Leben kosten könne. Man hatte ihm beigebracht, dass ein guter Schütze nicht fragen dürfe, wer sich im Fadenkreuz befinde, sondern nur, ob er sich dort befinde.
Paul hatte dem zugestimmt und er hatte es akzeptiert. Damals war das Gewehr noch leicht gewesen.
Jetzt schien es schwerer als alles, was er jemals getragen hatte.
Sein Zugführer hatte ihn in der vergangenen Nacht beiseitegenommen. Paul sei der ruhigste Schütze seiner Einheit, hatte er gesagt. Auf der anderen Seite der Straße werde sich früher oder später jemand zeigen. Er müsse bereit sein. Es könne keine Ausnahme geben, keine Diskussion, keine Zeit für Gewissensfragen.
"Du wartest nicht, bis du Angst hast", hatte der Zugführer gesagt. "Du handelst, bevor die Angst dich beherrscht."
Paul hatte nicht widersprochen. Er hatte nur an die Hände seiner Mutter gedacht, die immer ein wenig gezittert hatten, wenn sie einen Brief öffnete. Damals hatte er darüber gelächelt. Heute begriff er, dass es Dinge gab, vor denen der Körper die Wahrheit kannte, lange bevor der Verstand sie auszusprechen wagte.
Er legte die Wange an den Schaft.
Das Zittern begann in den Fingern, wanderte über die Handgelenke und erreichte schließlich seine Schultern. Er versuchte, es zu unterdrücken. Je mehr er sich dagegen wehrte, desto heftiger wurde es.
Er schloss die Augen.
In seiner Vorstellung sah er den Schießplatz wieder vor sich. Die bleichen Scheiben, die staubige Bahn, die Stimme des Ausbilders. Treffer waren gut, Fehlschüsse schlecht. Alles war einfach gewesen, solange die Ziele nicht zurückblickten.
Ein kurzes Geräusch ließ ihn zusammenfahren.
Auf der anderen Seite der Straße bewegte sich etwas.
Paul öffnete die Augen und hob das Fernglas. Zwischen den schwarzen Fensterhöhlen der Ruine erschien ein Mann. Er trug einen grauen Mantel und hielt den Kopf gesenkt. Zögernd trat er auf die Straße, blieb stehen und blickte nach links und rechts.
Paul stellte das Fernglas beiseite und nahm das Gewehr auf.
Da war er also.
Der Moment, auf den man ihn vorbereitet hatte.
Er richtete das Zielfernrohr aus. Der Mann war deutlich zu erkennen. Ein Soldat, vielleicht etwas älter als Paul, mit einem schmalen Gesicht und einem dunklen Schatten über der Oberlippe. An seiner Schulter hing eine Waffe.
Paul fand die Mitte des Fadenkreuzes.
Er atmete aus.
Der Mann machte einen Schritt nach vorn, dann noch einen. Plötzlich blieb er stehen und kniete sich nieder. Er griff in seinen Mantel, zog etwas hervor und hielt es in beiden Händen.
Ein Stück Brot.
Er brach es auseinander, steckte die eine Hälfte ein und begann, die andere zu essen. Dabei blickte er immer wieder in die Richtung, aus der er gekommen war, als müsse er sich vergewissern, dass ihn niemand beobachtete.
Paul spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog.
Der Mann kaute langsam. Er sah erschöpft aus. Nicht gefährlich, nicht heldenhaft, nicht einmal besonders entschlossen. Er sah aus wie jemand, der seit langer Zeit nicht mehr richtig geschlafen hatte und nur noch darauf hoffte, den Tag zu überstehen.
Paul dachte an seinen eigenen Brotbeutel. An die harte Scheibe, die er am Vorabend achtlos in die Tasche geschoben hatte. An den Hunger, den er seit Stunden verspürte.
Sein Finger lag jetzt am Abzug.
Nur ein geringer Druck, hatte man ihm erklärt. Keine ruckartige Bewegung. Nicht kämpfen, sondern entscheiden.
Doch was bedeutete entscheiden?
Dass er den Mann töten konnte, wusste Paul. Dass er es durfte, hatte man ihm gesagt. Dass es notwendig sei, stand in den Befehlen. Aber ob all diese Sätze zusammen eine Wahrheit ergaben, darauf hatte ihm niemand eine Antwort gegeben.
Der Soldat auf der Straße hob den Kopf.
Für einen Augenblick glaubte Paul, dass der Mann ihn entdeckt hatte. Das Fernglas lag nur wenige Zentimeter neben seiner Hand, doch Paul wagte nicht, danach zu greifen.
Die beiden Männer sahen einander an.
Vielleicht hatte der andere nur eine Bewegung im Fenster bemerkt. Vielleicht hatte er den Lauf des Gewehrs erkannt. Vielleicht wusste er einfach, dass man in solchen Landschaften niemals allein war.
Dann tat der fremde Soldat etwas Unerwartetes.
Er hob die leere Hand.
Nicht hoch, nicht feierlich. Nur ein wenig, so, als wolle er einem Bekannten auf der anderen Straßenseite zu verstehen geben, dass er ihn gesehen hatte.
Paul starrte ihn durch das Zielfernrohr an.
Der Mann ließ die Hand wieder sinken. Er nahm sein Brot, wickelte den Rest in ein Stück Papier und stand auf. Danach drehte er sich langsam um und ging zurück in die Ruine.
Paul hielt das Gewehr noch immer im Anschlag.
Sein Zittern hatte aufgehört.
Ausgerechnet jetzt, da der Augenblick vorüber war, lagen seine Hände vollkommen ruhig am Schaft. Er konnte wieder gleichmäßig atmen. Das Fadenkreuz stand still. Alles war so, wie es auf dem Schießplatz hatte sein sollen.
Nur das Ziel war verschwunden.
Paul ließ das Gewehr sinken.
Einige Sekunden lang hörte er nichts als das Blut in seinen Ohren. Dann krachte ein Schuss aus seiner eigenen Stellung.
Der Soldat in der Ruine schrie nicht. Paul konnte nicht einmal erkennen, ob der Mann getroffen worden war. Er sah nur eine Bewegung hinter einem zerschlagenen Fenster und dann, für einen kurzen Augenblick, eine Hand, die über den Rand des Mauerwerks glitt.
Ein zweiter Schuss folgte.
Paul duckte sich instinktiv. Erde rieselte von der Böschung auf seinen Nacken. Er lag reglos da, bis die Stille zurückkehrte.
Als er sich wieder aufrichtete, war die Straße leer.
Der Zugführer kam kurz darauf zu ihm. Er fragte, ob Paul den Mann gesehen habe.
"Ja."
"Hast du geschossen?
Paul schüttelte den Kopf.
Der Zugführer musterte ihn lange. Dann sagte er, dass ein Soldat im richtigen Augenblick handeln müsse. Es sei nicht immer möglich, den Dingen eine persönliche Bedeutung zu geben. Sonst werde man im entscheidenden Moment versagen.
Paul antwortete nicht.
Er wusste, dass er seinen Vorgesetzten hätte fragen können, wer den zweiten Schuss abgegeben hatte. Er wusste auch, dass die Antwort nichts geändert hätte. Der Mann auf der anderen Straßenseite war möglicherweise tot. Vielleicht lag er verwundet zwischen den Trümmern. Vielleicht hatte man ihn weggebracht.
Nichts davon konnte Paul ändern.
Am Abend saß er im Unterstand und betrachtete seine Hände. Sie zitterten wieder, obwohl das Gewehr längst abgelegt war.
Er dachte an den fremden Soldaten, an das Brot, an die erhobene Hand. Und er fragte sich, ob es Feigheit gewesen war, nicht zu schießen. Ob Mut vielleicht darin bestanden hätte, den Befehl auszuführen. Oder ob es eine andere Art von Mut gab, für die es keine Auszeichnungen und keine Beförderungen gab.
Er kam zu keiner Antwort.
In der Nacht schrieb er einen Brief an seine Mutter. Er berichtete vom Wetter, vom Hunger und davon, dass er gesund sei. Den Satz, den er eigentlich schreiben wollte, ließ er aus.
Er schrieb nicht, dass er Angst gehabt hatte.
Er schrieb nicht, dass er zum ersten Mal verstanden hatte, warum seine Mutter beim Öffnen eines Briefes zitterte.
Und er schrieb nicht, dass er sich vor dem ersten Schuss gefürchtet hatte, weil er wusste, dass danach nichts mehr so sein würde wie zuvor.
Am Morgen wurde seine Einheit abgelöst. Paul übergab sein Gewehr, packte seinen Rucksack und trat auf die Straße. In der Nähe der Ruine lag ein aufgerissener Brotbeutel. Daneben befand sich ein dunkler Fleck im Staub.
Paul blieb stehen.
Er bückte sich nicht. Er ging auch nicht weiter.
Er stand einfach da, während hinter ihm die Fahrzeuge anliefen und die Männer ihn zur Eile riefen.
Dann ging er.
Jahre später würde er sich kaum noch an die Geräusche des Krieges erinnern, an die Befehle, die Explosionen oder die Gesichter seiner Kameraden. Manche Erinnerungen verlieren ihre Schärfe, wenn man lange genug mit ihnen lebt.
Doch das Zittern würde er nicht vergessen.
Nicht, weil es ihn beinahe verraten hätte.
Sondern weil es der letzte Augenblick gewesen war, in dem sein Körper noch gegen etwas protestiert hatte, das sein Verstand bereits zu akzeptieren begann.
Und manchmal, wenn er nachts wach lag, fragte er sich, was gefährlicher gewesen war; das Zittern vor dem ersten Schuß, oder die Ruhe, die danach gekommen war.
© Novelle by @HerrWortranken
0629 | 2026 | ©HW
